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Frank Göhre

Frank Göhre

Schriftsteller + Journalist

Frank Göhre

Auf der Internetseite von Frank Göhre findet sich der folgende »Nachruf zu Lebzeiten«:

Seine erste Geschichte schrieb er als Vierundzwanzigjähriger. Er gab ihr den Titel »Weg isser« und war gleich voll da. Renommierte Kritiker und Autoren feierten ihn als den »Pop-Poeten der Sechziger Jahre« und ebneten ihm den Weg in die Medien. Mit wenigen kurzen Texten war er bald bundesweit bekannt. Doch er schrieb mehr zum Zeitvertreib, so nebenbei. Wichtiger war ihm immer das Leben auf den Straßen der großen Städte, die Kneipen und das Kino. Sex & Drugs & Rock `n Roll bestimmten seinen Lebensrhythmus. Ein für den legendären »Beat-Club« produzierter Videoclip über seine »Textaktionen« bedeutete ihm mehr als ein Anthologiebeitrag in der »edition suhrkamp«. Er wollte das »große Publikum« und hatte es schließlich als Kriminalroman- und Drehbuchautor. Fortan »belieferte« er Verlage, Filmproduktionen und Sender mit unzähligen »kleinen schmutzigen Geschichten« und hatte, vor allem mit seinen Kiez-Krimis, immensen Erfolg – allerdings auch den zweifelhaften Ruf eines »Pornographen des Genres«. Mit zunehmendem Alter und zudem bedingt durch die ständige »Schreibisolation« nahmen dann aber seine sexuellen Phantasien derart überhand, daß seine Manuskripte nicht mehr annehmbar waren. Seine Autorenkarriere endete abrupt. Relativ vermögend verbrachte der einst populäre Schreiber seine letzten Lebensjahre in einer Hotelsuite in Miami Beach, wo er am vergangenen Freitag in den Armen eines kubanischen Transvestiten verstarb.

Natürlich lebt er noch, und natürlich schreibt er noch. Anfang Februar 2015 ist der Band »Mo. Der Lebensroman des Friedrich Glauser« beim Hamburger Verlag CulturBooks erschienen – bis Ende Februar noch zum Schnäppchenpreis von € 1.99 zu haben.

Im August 2014 ist der Band »Gut leben – früh sterben: Stories von unterwegs« erschienen, kurz zuvor »Du fährst nach Hamburg, ich schwörs dir. Ein Heimatfilm«.

Frank Göhre, Jahrgang 1943, arbeitete als Buchhändler, Bibliothekar, Verlagsangestellter und Hörfunkautor. Er lebt in Hamburg und schrieb neben Romanen u.a. die Drehbücher zu den Kinofilmen »Abwärts«, »Die Ratte« und das mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnete Drehbuch »St. Pauli Nacht« (Regie: Sönke Wortmann).

Vermehre um einen Zentner den Zorn in der Welt, um ein Gran.

Hans Magnus Enzensberger, Anweisung an Sisyphos

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Wo lebst Du heute?

In Hamburg, in der Freien und Hansestadt, dem Tor zur Welt.

Bist Du in Hamburg aufgewachsen?

Geboren bin in Tschechien, aufgewachsen in Bochum, gelebt und gearbeitet habe ich in Köln, München und in Neuenkirchen bei Soltau in der Lüneburger Heide.

Was machst Du beruflich?

Seit 1981 bin ich Hörfunk-, Drehbuch- und Buchautor. Vorher habe ich als Bürokaufmann, Buchhändler, Bibliothekar, Verlagsmitarbeiter und Werbetexter gearbeitet.

Hast Du Hobbys?

Ja. Kochen..

Und Dein Lieblingsgericht ist …?

Pappardelle mit Fleischklößen und Steinpilzen.

Welches Buch hat Dir in letzter Zeit ganz besonders gefallen?

Roberto Bolaño, „2666“.

Und welchen Film hast Du zuletzt gesehen?

Dominik Graf, „Die geliebten Schwestern“.

Kannst Du sagen, welche Musik Du als letztes gehört hast?

„Cadillac Walk“ von Willy DeVille, weil ich den Text in meinen neuen Roman – in Arbeit – eingebaut habe.

Gibt es eine aktuelle Arbeit, ein Projekt, das Du kürzlich abgeschlossen hast?

Abgeschlossen ist eine Textcollage über die Hamburg Filme „Supermark“ (Roland Klick), „Nordsee ist Mordsee“(Hark Bohm) und „Desperado City“ (Vadim Glowna). Titel: »Der Reichtum, die Härte und die Weite.«
In Arbeit ist ein neuer und voraussichtlich letzter Roman: »Night Song«.

Welche historische Persönlichkeit bewunderst Du am meisten – und warum?

Herodot und Alexander von Humboldt aufgrund ihrer Reisen, dem Forschen und dem darüber schreiben.

Welche politische Reform ist ein echter Fortschritt für die Menschheit?

Die Abschaffung des Paragrafen 175 (Strafdelikt Homosexualität).

Wer ist für Dich ein “Held des Alltags”?

Berufstätige und alleinerziehende Mütter.

Gibt es etwas, das Du ganz besonders magst? Egal was es ist …?

Englisches Frühstück.

Wie lautet Dein Lieblingszitat / Aphorismus?

»Steh auf, wenn Du ein Schalker bist!«

Es gab ein erstes Mal für das, was Du heute “beruflich” machst.
Was war das? Wann war das? Und auch: warum ist es “passiert”?

Es war die Liebe zu einem Mädchen. Sie war meine erste wirklich große Liebe und ich hatte sogar schon mit ihr geschlafen.
Am Rosenmontag aber ging sie mit einem anderen ins Bett.
Es sei aus mit uns, sagte sie dann am nächsten Tag. Ich war verzweifelt. Ich litt. Und ich schrieb meine erste Story: „Weg isser“. Die Geschichte eines jungen Mannes, der aus Liebeskummer/Verzweiflung vor ein Auto rennt und zu Tode kommt.
Das war 1967, und ich war schon 24 Jahre alt. Aber es war der Beginn einer „Autorenkarriere“.

Und was ist nach diesem ersten Mal passiert? War es ein gerader Weg …?

Die Story wurde vom Südwestfunk gesendet. Ich wurde als ein Autor der Straße vorgestellt (Alltagsslang), später als „Pop-Poet“.
Es war mein Einstieg in den Funk. Ich schrieb weitere Stories, Hörspiele und Feature für WDR, Radio Bremen und NDR und verdiente damit soviel Geld, dass 1973 zum ersten Mal als „freier Autor“ leben konnte. Und mir einen Fiat Spider (knallgelb) kaufte und damit nach Dänemark, Schweden und Finnland fuhr, sechs Wochen lang.

Was bedeutet “Leidenschaft” für Dich und das, was Du tust?

Für etwas brennen und alles dafür tun, dass es mich zufrieden stellt.
Also leidenschaftlich (auch wild, außerhalb der gesellschaftlichen Muster und Regeln) leben und schreiben. Mit aller mir zur Verfügung stehenden Energie.

Was fällt Dir zu den Stichworten “Können” und “Scheitern” ein?

Also gelernt habe ich durch den Funk, durch die Hörspielarbeit und die Arbeit mit den Sprechern, einen guten Dialog zu schreiben. Und durch die Drehbucharbeit szenisches Denken.
Das hat sich möglicherweise zu einem gewissen „Können“ entwickelt.
Ich verstehe es als ein Handwerk lernen und beherrschen zu lernen, es zu perfektionieren.
Versagen trifft für mich eher auf mein privates Leben zu: Für meine Frau, meine Angehörigen nicht genug da zu sein, kommunikativ zu versagen.
Scheitern hingegen begreife ich als eine Arbeit nicht bewältigt zu haben (da folge ich ausschließlich meinem Gespür) und sehe das Scheitern als Erfahrung für einen Neubeginn an.

Was bedeutet “Angst” für Dich?

Bin nach zwei Erlebnissen relativ angstfrei:
Einmal auf Lanzerote in eine Felsspalte 200 Meter über Klippen und Meer abgestürzt und mich mühsam und über mehrere Stunden lang selbst daraus befreien können.
Nach einer Herz-OP in wirklich letzter Sekunde.

Seitdem … was passiert, passiert. Angst vor was auch immer hab ich nicht mehr.

Ich hab nichts (mehr) zu verlieren, und der „große Bäng“ist unausweichlich

Gab es einen Punkt in Deinem Leben, an dem Du eine Entscheidung bedauert oder bereut hast, einen bestimmten Weg einzuschlagen?

Okay, rückblickend bedauere ich, mit 19-20 nicht nach Amerika gegangen zu sein. Mein großer Traum war, auf einer Ranch zu arbeiten, Farmer zu sein. Ja, ja – der Marlboro Cowboy …

Geld ist wichtig … oder eher nicht?

Geld ermöglich mir, meinen Leidenschaften nachzugehen. Viel zu reisen, gut zu essen, gute Weine und guten Whisky zu trinken. Von daher: schon wichtig.
Ich kann mich aber auch einschränken, wenn ich nicht genügend Geld habe.

Erzähl uns etwas über Inspiration und Kreativität.

Inspiriert werde ich beim Schreiben vom Alltag: Von einer Bemerkung des Nachbars, von einer Situation in der Bank oder am Bau, von einem aufgeschnappten Dialog, einem Streit, von einem persönlichen Schicksal in meinem Bekanntenkreis, von einer Zeitungsnotiz, von Modern Jazz, einem Miles Davis Stück – das als Auslöser, und dann kommt die Arbeit.
Bücher werden zu 80 Prozent mit dem Arsch geschrieben, sagte der gute, alte Pit — Peter O. Chotjewitz.

Wie sieht ein typischer Tag in Deinem Leben aus?

Ich stehe morgens um 7 Uhr auf, frühstücke mit meiner Frau, gehe Montag, Mittwoch und Freitag ins Gym und schreibe bis 14 Uhr. Dann eine Pause von knapp einer Stunde. Kaffee und Zeitungslektüre. Ein kleiner Spaziergang. Bis 18.30 Uhr Notizen und Internetrecherche. Dann koche ich zu Abend, wir essen oder gehen aus, Freunde treffen, Kino, Theater, Musik …

Sind Medien wie Zeitungen, Fernsehen, das Internet wichtig für Deinen kreativen Prozess?

Presse und Internet ist für mich bei der Recherche unverzichtbar geworden. Es ist eine „Keimzelle“ für den kreativen Prozess.

Verrate uns bitte Deinen Lieblingsautor? Und warum gerade dieser/ diese?

Den einen Lieblingsautor habe ich nicht. Ich bewundere viele und lerne von vielen: Angefangen bei Hemingway bis DeLillo (Amerikaner), Flaubert bis Genet (Franzosen), Gadda und Pasoloni (Italiener), Kleist, Fontane, Döblin und Hubert Fichte, Cendrars und Glauser … bunte Mischung, aber bei jedem entdecke ich etwas, was ich bei meiner Arbeit nutzen kann: eine Sichtweise, ein Aspekt, etwas Anrührendes, Bewegendes.

Hatte oder hat Musik und/oder Film einen Einfluss auf Deine Arbeit?
Und falls ja, wie sieht dieser Einfluss aus?

Ich bin sowohl von Musik wie vom Film stark geprägt.

Bei der Musik ist es der Modern Jazz, die Improvisationen, der Rhythmus. Ich schreibe oft „nach Musik“, nicht „mit Musik“, habe bestimmte Klänge und Melodien im Ohr.

Vom Film her ist der stärkste Einfluss der Schnitt. Schneiden, cutten finde ist faszinierend, und ich glaube, ich wäre auch ein guter Cutter geworden. Hängt übrigens auch mit dem Rhythmus-Gefühl zusammen.

Könntest Du uns Deine zehn Lieblingssongs, so was wie eine persönliche Hitparade nennen? Jede Art von Musik zählt …

Meine Hits, immer und immer wieder gehört, in alphabetische Abfolge:
AC/DC (live, World Tour 1978), Bad Boy Boogie
Eric Burdon declares WAR, Tobacco Road
Jonny Cash, The Beast In Me
Cream (Farewell Tour 1968), Toad
Mink DeVille, Cadillac Walk
Deep Purple (Osaka, August 1972), Smoke On The Water
Bob Dylan, Rollin‘ And Tumblin‘
Bob Marley, I Shot The Sheriff
The Rolling Stones (live auf Love You Live) Sympathy For The Devil
Neil Young & Crazy Horse, Walk Like A Giant

Magst Du Fernsehserien und wenn ja, welche?

Ich sehe inzwischen fast ausschließlich Fernsehserien auf DVD:
„Homicide“ und „The Wire“, „NYPD Blue“, zuvor „Miami Vice“, die „Sopranos“ und – ja, auch „24“, „Breaking Bad“, „Sons of Anarchy“, „Mad Men“ und und und …
Kurzum, das Heilmittel gegen die öffentlich-rechtliche Pest.

Ist soziales Engagement wichtig für Dich?

Ja, als Demonstration des Widerspruchs und der Gegenwehr.

Bist Du glücklich?

Uneingeschränkt: JA.

Hast Du einen guten Rat für jemanden, der/die ebenfalls Schriftsteller werden möchte?

Mache Erfahrungen und versuche, sie authentisch zu vermitteln.
Und: Vermeide Pädagogik!

Was möchtest Du der Nachwelt hinterlassen?

Den Wunsch und den Willen zum Widerstand gegen Machtmissbraucher und Anpasser.

Costa Brava im Revier, Recklinghausen 1971
Gekündigt, Starnberg 1974
So läuft das nicht, München 1976
Wenn Atze kommt, Leverkusen 1976
Schnelles Geld, München 1979
Außen vor, München 1982
Im Palast der Träume, Reinbek bei Hamburg 1983
Abwärts, München 1984 (zusammen mit Carl Schenkel)
Der Schrei des Schmetterlings, Reinbek bei Hamburg 1986
Zeitgenosse Glauser, Zürich 1988
Einzelhaft, Hamburg 1988
Peter Strohm – Agent für Sonderfälle, München 1989
Tiefe Spuren, München 1989 (zusammen mit Astrid Schumacher und Bert Schumacher)
Der Tod des Samurai, Reinbek bei Hamburg 1989
Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit, Reinbek bei Hamburg 1990
Frühstück mit Marlowe, Reinbek bei Hamburg 1991
Der Tanz des Skorpions, Reinbek bei Hamburg 1991
St.-Pauli-Nacht, Reinbek bei Hamburg 1993
Ritterspiele, Reinbek bei Hamburg 1996

Rentner in Rot, Hamburg 1998
Finale am Rothenbaum, Augsburg 1999
Grüne Hölle Hagenbeck, Hamburg 1999
Goldene Meile, Hamburg 2000
Endstation Reinbek, Hamburg 2001
Hauptbahnhof Mord, Hamburg 2002
Die toten Augen vom Elbstrand, Hamburg 2003
Der letzte Freier, Hamburg 2006
Zappas letzter Hit, Pendragon, Bielefeld 2006
An einem heißen Sommertag, Pendragon, Bielefeld 2008
Mo, Pendragon, Bielefeld 2008
Der Auserwählte, Pendragon, Bielefeld 2010
Geile Meile, Sammelband (Zappas letzter Hit, St. Pauli Nacht, Rentner in Rot, Der letzte Freier und Es war einmal St. Pauli), Pendragon, Bielefeld 2013
Hot stuff, CulturBooks, Hamburg 2013
Du fährst nach Hamburg, ich schwörs dir. CulturBooks, Hamburg 2014
Die Härte, der Reichtum und die Weite. CulturBooks, Hamburg 2014
Gut leben – früh sterben, Pendragon, Bielefeld 2014
Mo. Der Lebensroman des Friedrich Glauser, CulturBooks, Hamburg, 2015

Die Liste der Filme, bei denen Frank Göhre das Buch geschrieben hat, ist recht stattlich, daher  hier nur eine Auswahl:

SCHNELLES GELD
Spielfilm, 1983 | Buch und Regie: Raimund Koplin und Renate Stegmüller nach dem Roman von Frank Göhre
ABWÄRTS
Spielfilm, 1984 | Buch: Frank Göhre und Carl Schenkel, Regie: Carl Schenkel
EINZELHAFT
Fernsehfilm (Schimanski-Tatort), 1988 | Buch: Frank Göhre, Regie: Theodor Kotulla
SCHAMLOS
(»Eine Hardcore-Version der ›Lindenstraße‹«, Hamburger Morgenpost) Soap-Opera, 1990-1999 | 10 Fernseh-Folgen | Buch: Frank Göhre, Ulrich Waller und Matthias Beltz, Regie: Ulrich Waller
DIE RATTE
Spielfilm, 1993 | Buch: Frank Göhre und Klaus Lemke, Regie: Klaus Lemke
ST. PAULI NACHT
Spielfilm, 1999 Buch: Frank Göhre. Regie: Sönke Wortmann
EINE NACHT IM GRANDHOTEL
Fernsehfilm, 2008 | Buch: Sathyan Ramesh, nach einer Story von Frank Göhre

Weiterhin mehrere Tatorte, Folgen der Serien „Alarm für Cobra 111“, „Großstadtrevier“ und viele mehr.

Frank Göhre hat natürlich auch eine Homepage. Und selbstredend einen Wikipedia-Eintrag (de).

Seine Bücher erscheinen heute im Pendragon Verlag und bei CulturBooks.

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